Ein Meilenstein des Handelns: Diakonische Einrichtungen
Mit der Gründung des FRAUENHEIM WENGERN im Jahr 1917 erreichte die Arbeit der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen (EFHiW) eine neue Entwicklungsstufe. Fürsorge gehörte bereits seit ihrer Gründung 1906 zum Selbstverständnis des Verbandes – sie wurde in Gemeinden, Gruppen und auf Landesverbandsebene organisiert und überwiegend ambulant geleistet.
Mit der Einrichtung eines eigenen Hauses weitete die EFHiW ihr Engagement erstmals in den stationären Bereich aus. Damit übernahm sie nicht nur punktuelle Unterstützung, sondern auch dauerhafte Verantwortung für Lebensräume und Lebensverläufe von Frauen und Mädchen.
Der Erste Weltkrieg verschärfte die sozialen Problemlagen erheblich. Viele Frauen waren auf sich allein gestellt, wirtschaftlich unter Druck und sozial kaum abgesichert. In dieser Situation wuchs der Bedarf an verlässlichen Unterstützungsstrukturen. Die EFHiW reagierte darauf, indem sie ihre bestehende Fürsorgearbeit weiterentwickelte und neue Formen der Hilfe ermöglichte.
Zugleich war diese Zeit von bestimmten gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt, die auch die Fürsorge beeinflussten. Begriffe wie „gefährdet“ oder „verwahrlost“, die damals verwendet wurden, spiegeln die Denkweisen ihrer Zeit wider. 1 Sie zeigen, dass Hilfe häufig mit klaren Erwartungen an Lebensführung und soziale Ordnung verbunden war – ein Aspekt, der heute differenzierter betrachtet wird.
Vor diesem Hintergrund entstand das FRAUENHEIM WENGERN als Ort der Aufnahme, Begleitung und Neuorientierung. Die Einrichtung bot Frauen und Mädchen in schwierigen Lebenssituationen Unterkunft, Versorgung und Unterstützung im Alltag. Zugleich eröffnete sie Möglichkeiten zur persönlichen Stabilisierung und zur Entwicklung neuer Perspektiven.
Kennzeichnend war die neue Struktur der Arbeit: Fürsorge wurde hier kontinuierlich organisiert, räumlich gebündelt und von ausgebildeten diakonischen Mitarbeiterinnen getragen. Verlässliche Abläufe und persönliche Begleitung prägten den Alltag im Haus und schufen einen geschützten Rahmen für die Bewohnerinnen.
Mit dem Frauenheim vollzog sich ein wichtiger Schritt hin zu einer stärker professionalisierten Sozialarbeit. Aus ehrenamtlich geprägter Unterstützung entwickelte sich ein institutionelles Angebot, das auf Dauer angelegt war und auf wachsende Bedarfe reagieren konnte.
Aus dem FRAUENHEIM WENGERN heraus entwickelte sich über die Jahrzehnte ein Netzwerk diakonischer Einrichtungen, das das Engagement der EFHiW nachhaltig geprägt hat. Die Entscheidung von 1917 markiert damit einen Wendepunkt, an dem sich das diakonische Handeln deutlich erweiterte und vertiefte.
Heute verbindet die EFHiW diese gewachsene Tradition mit einem modernen Verständnis sozialer Arbeit. Selbstbestimmung, Teilhabe und die Anerkennung unterschiedlicher Lebensentwürfe stehen im Mittelpunkt. Die Geschichte des FRAUENHEIM WENGERN bleibt dabei ein wichtiger Bezugspunkt – als Ausdruck entschlossenen Handelns in schwieriger Zeit und als Ausgangspunkt für die kontinuierliche Weiterentwicklung diakonischer Arbeit.
[1] Die Begriffe „gefährdet“ und „verwahrlost“ wurden im frühen 20. Jahrhundert im Kontext der Fürsorge- und Fürsorgeerziehung verwendet und spiegeln zeittypische gesellschaftliche Wertungen wider, die individuelle Lebenslagen häufig moralisch beurteilten und mit Erwartungen an soziale Anpassung verbanden.